Brutal, roh und spannend. Plus eine schöne Liebesgeschichte
„Die Toten von Morgen“. Der neue Krimi von Kim Koplin
Gott sei Dank gibt es Thomas Wörtche und die von ihm herausgegebene Krimireihe beim Suhrkamp Verlag: Johannes Groschupf, Zoran Drvenkar, Simone Buchholz und Andreas Pflüger. So gut wie alle wichtigen, zeitgenössischen, deutschsprachigen Krimiautoren veröffentlichen dort ihre Bücher. Wenn dem nicht so wäre, würden wir eingehen am Mangel an Geschichten, an stromlinienförmiger, woker Langeweile und an öder Introspektion.
Jetzt ist noch ein weiteres Buch von einem dieser modernen Thriller-Klassiker hinzugekommen: Kim Koplin, „Die Toten von morgen“. Es handelt sich dabei um die langersehnte Fortsetzung von „Die Guten und die Toten“, Koplins Bestseller aus dem Jahr 2023. Kim Koplin ist übrigens ein Pseudonym – Mann oder Frau, niemand weiß, wer dahintersteckt.
Beide Bücher sind echte Pageturner: spannend, roh und brutal – aber es gibt auch eine sehr schöne Liebesgeschichte. Nihal und Saad heißen die beiden Protagonisten. Sie ist angehende Kommissarin bei der Berliner Mordkommission, er ist ein flüchtiger Kleinkrimineller aus Marseille, der sich als syrischer Flüchtling ausgibt und in Berlin als Parkhauswächter untergetaucht ist. Irgendwann kommt sein früherer Boss, ein Mafioso aus Frankreich, den Saad angeblich bestohlen hat, ihm auf die Schliche.
Alles wäre nicht so dramatisch, wäre da nicht Leila, Saads kleine Tochter, deren Mutter von den Gangstern bereits ermordet worden ist. Nihal beschließt, Saad und vor allem Leila zu helfen. Nihal leidet zwar unter Minderwertigkeitskomplexen, weil ihre türkischstämmige Familie sie nicht akzeptiert, hat aber als Kämpferin einiges zu bieten: Die junge Frau will als Boxerin bei Olympia antreten und absolviert dafür ein extremes Training.
Der Kiffer Mohammed, der auf dem Dach von Saads Parkhaus eine Cannabis-Plantage betreibt, macht das Trio beziehungsweise Quartett schließlich komplett. Er hilft dabei, die Leichen von Saads Verfolgern in einer Müllverbrennungsanlage zu entsorgen. Saad, Nihal und Leila gehen nach Hamburg.

Hier beginnt der neue Roman „Die Toten von morgen“. Es dauert einige Seiten, bis die Geschichte richtig Fahrt aufnimmt – Zeit, um etwas vom Milieu mitzukriegen: Die Geschichte spielt vor allem in Berlin-Charlottenburg, dem Ausgeh- und Schickimicki-Bezirk rund um Ku’damm und Kantstraße. Dort befindet sich übrigens noch heute die Paris Bar, die Kneipe, in der unser Namenspatron Franz Josef Wagner am liebsten feierte. Aber auch Charlottenburg hat eine rohe Seite: Drogen und Prostitution. Und vor allem an den Rändern wohnen auch hier viele Ausländer: Polen, Russen und Chinesen sowie viele Türken der ersten Gastarbeitergeneration.
Eingeborene Deutsche spielen in beiden Büchern kaum eine Rolle. Am besten kommt noch Erich, Nihals Chef bei der Mordkommission, weg – ein Mann, der auf gefühlt 64 verschiedene Arten „Hm“ sagen kann. Dabei heraus kommen fantastisch lakonische Dialoge. Überhaupt, die Dialoge! Koplins ganz große Stärke. Ein guter Satz sollte nicht mehr als sieben Wörter haben, ihre beziehungsweise seine haben oft nur drei.
Der Plot ist schnell erzählt: Clément, der Gangster aus Marseille, will King Charles, dem einheimischen Koks-Baron, das Geschäft wegnehmen. Es kommt zum Gangsterkrieg. Saad ist mittendrin; er arbeitet mit Mohammed für Clément in dessen Spedition. Dabei ahnt Saad nicht, dass Clément der Besitzer ist. Sonst hätte er sich nie darauf eingelassen. Der Franzose ist schließlich der Mann, der ihn und seine Tochter umbringen will.
Eine besonders miese Rolle spielt „Okay-Martin“. Er ist „King Charles’“ Spitzel bei der LKA-Abteilung für Organisierte Kriminalität. Das ist aber nicht der Grund für seinen Spitznamen – schließlich müsste er dann OK-Martin heißen –, sondern dass er jeden Satz mit „Okay“ beendet. Kokain, ungeschützter Sex mit Prostituierten sowie reichlich Taschengeld: „Okay-Martin“ sorgt dafür, dass die Gangster immer auf dem Laufenden sind.
Es gibt ein furioses Finale, sogar schwere Waffen kommen zum Einsatz. Mitten in Charlottenburg. Mehr darf hier aber nicht verraten werden. Nur so viel: Hammerbuch, unbedingt lesen!

Wir bedanken uns bei Friederike Zöllner und dem Buchlokal in der Ossietzkystraße 10, 13187 Berlin-Pankow für ihre Unterstützung. post@buchlokal.de

