Ozempic – die Abschaffung der Willenskraft

Das Ozempic-Tugenddrama: Warum die Abnehmspritze unsere Gesellschaft so empört. Eine Abrechnung mit der Lüge, dass Schlankheit eine Frage des Charakters ist. 💉

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Es gibt Sätze, die so harmlos klingen, dass man ihren Hochmut leicht überhört. Einer davon fällt in der Debatte über Ozempic mit verlässlicher Regelmäßigkeit: Früher hat man einfach weniger gegessen. Das ist kein Argument. Es ist ein Bekenntnis.

Denn wer so spricht, spricht nicht über Stoffwechsel, Hormone oder Adipositas. Er spricht über Schuld, Disziplin und Charakter. Über die alte Vorstellung, dass ein Mensch seinen Körper zu beherrschen habe — und dass die sichtbare Form dieses Körpers etwas über seinen moralischen Wert verrate. Der schlanke Leib gilt dann nicht bloß als gesünder, sondern als verdient.

Und genau diese Erzählung beschädigt Ozempic. Das Medikament, dessen Wirkstoff Semaglutid ursprünglich für die Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt wurde, tut etwas kulturgeschichtlich höchst Ungehöriges: Es dämpft den Hunger, ohne dass der Mensch daraus ein Tugenddrama machen muss. Man isst weniger, nicht weil man sich heldenhaft überwunden hätte, sondern weil der Appetit leiser wird. Medizinisch ist das ein Fortschritt, gesellschaftlich ist es eine Provokation.

Der Westen hat aus dem Körper seit langem eine sittliche Bühne gemacht. Schlankheit war nie bloß eine Form, sondern immer auch ein Prädikat. Wer schmal blieb, galt als diszipliniert. Wer zunahm, als nachlässig. Die Diät war deshalb nie nur eine medizinische Maßnahme. Sie war fast ein säkulares Bußritual. Der hungernde Mensch durfte sich immerhin damit trösten, dass sein Hunger als Tugend galt.

Ozempic greift genau hier ein. Es nimmt dem Körper jene Askese ab, aus der eine ganze Gesellschaft ihr kleines Ethos gezimmert hat. Kein Pathos der Entbehrung, kein täglicher Triumph über sich selbst, kein Verdienst im klassischen Sinn. Die Abkürzung empört. Nicht die Wirkung.

Besonders aufschlussreich ist, wer die Verschiebung am klarsten formuliert hat. Oprah Winfrey gestand im Dezember 2023 in einem Interview mit dem US-Magazin People erstmals, ein Abnehmmedikament zu nehmen. Im Januar 2025 präzisierte sie in ihrem Oprah Podcast, in einem Gespräch mit der Yale-Endokrinologin Dr. Ania Jastreboff, was sie dabei gelernt hatte: dass sie früher dachte, dünne Menschen hätten einfach mehr Willenskraft – und dann verstand, dass diese schlicht nur essen, wenn sie hungrig sind, und aufhören, wenn sie satt sind. Das war der zivilisatorische Schock in einem Satz. Nicht die Schwachen werden stärker, sondern die alte Erzählung wird schwächer.

Sharon Osbourne, Britin und TV-Persönlichkeit, hatte Anfang 2023 begonnen, Ozempic zu nehmen — ohne Diabetesdiagnose. Gegenüber dem britischen Woman Magazine berichtete sie 2024, in vier Monaten knapp 19 Kilogramm verloren zu haben, und warnte zugleich, man könne leicht davon abhängig werden – das sei sehr gefährlich. Niemand hatte ihr gesagt, wann aufzuhören ist. Und ihre Tochter Kelly Osbourne sagte 2024 gegenüber E! News den Satz, den die gesamte Wellness-Industrie am liebsten nie gehört hätte: warum solle man es nicht mit etwas tun, das nicht so langweilig sei wie Sport? Der kollektive Aufschrei kam prompt. Denn sie hatte ausgesprochen, was alle dachten: dass das Leiden womöglich optional ist.

Gleichzeitig boomt das Gegenteil: Fasten-Retreats, Pilates-Studios, Bücher über intermittierendes Fasten. Die Wellness-Industrie ist ein Milliardenmarkt, der auf einer einzigen moralischen Grundannahme beruht: Der Körper ist ein Projekt. Und wer an ihm arbeitet, ist ein besserer Mensch. Diese Industrie war nie der Gegenentwurf zur Chemie. Sie war nur ihre ästhetisch gefälligere Schwester.

Der Umsatz von Novo Nordisk — dem dänischen Pharmakonzern, der Ozempic herstellt — stieg laut Geschäftsbericht von rund 15 Milliarden Euro im Jahr 2017 auf fast 39 Milliarden Euro im Jahr 2024. Mounjaro kostet bis zu 490 Euro im Monat, das günstigere Wegovy bis zu 276 Euro — Kosten, die die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland nicht übernehmen, solange keine Diabetesdiagnose vorliegt.

Die Moralisierung des Körpers traf nie alle gleich. Sie traf am härtesten jene, deren Alltag von Schichtarbeit, Erschöpfung, Stress, knapper Kasse und medizinischer Unterversorgung geprägt ist. Gerade ihnen erzählte man am eifrigsten, alles sei am Ende eine Frage der Disziplin. In Indien und China laufen derweil die Kernpatente aus. Generika kommen auf den Markt, zu einem geschätzten Preis von rund 15 US-Dollar im Monat. Wer in Frankfurt wohnt und 500 Euro im Monat übrig hat, darf seinen Hunger abschalten. Wer nicht — der soll Charakter zeigen.

Es gibt berechtigte medizinische Einwände. Sylvia Damerau, Oberärztin am Klinikum Magdeburg, brachte es im März 2025 nüchtern auf den Punkt: Ozempic sei eine Abkürzung, man müsse es ein Leben lang nehmen, sonst kämen die Pfunde zurück, und Langzeitstudien fehlten. Ihre Sorge gilt weniger der Spritze selbst als dem, was mit dem Kopf passiert. Noch konkreter wird die Wiener Ärztin Eva Wegrostek im ORF-Magazin Wien heute: Sie verschreibt Ozempic bei Normalgewichtigen bewusst nicht — »So einfach kann man es sich nicht machen« — und kritisiert Kollegen, die gesunden Patienten die Spritze für rund 400 Euro im Monat anbieten, als »reine Geldmacherei«.

Ozempic ist deshalb nicht einfach ein Medikament gegen Übergewicht. Es ist ein Medikament gegen eine Erzählung. Gegen die fromme Geschichte vom Leib als Zeugnis sittlicher Tüchtigkeit. Natürlich gibt es Risiken und Missbrauch. Aber das erklärt nicht die moralische Erregung, mit der über dieses Mittel gesprochen wird. Mit einem Mal erscheint der dünne Körper nicht mehr als sakrales Ergebnis von Tugend, sondern als etwas, das womöglich auch pharmakologisch erreichbar ist. Das erschüttert nicht nur eine Industrie, die von der endlosen Arbeit am Selbst lebt. Es erschüttert ein Menschenbild. Denn wenn Leiden nicht mehr notwendig ist, verliert auch die Moral, die es vergoldet hat, ihren Glanz.

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