„Quatsch mit Sosse“ – Viele Ichs werden ein Wir!
Hockeyfieber bei den Special Olympics im Saarland. Gefühlte 42 Grad Celsius auf dem Platz. Mit dabei: Annika Reimann aus Berlin-Spandau.
Im Saarland war es so heiß, dass man zeitweise den Eindruck haben konnte, die Sonne wolle persönlich an den Special Olympics teilnehmen. 42 Grad auf dem Hockeyplatz.
Bei solchen Temperaturen wurde in dieser Region normalerweise Eisen gekocht. Nicht Hockey gespielt. Der Torwart wurde zwischendurch mit einem Eiskübel heruntergekühlt. Trinkpausen waren keine Bequemlichkeit, sondern medizinische Notwendigkeit. Selbst Kakteen hätten vermutlich über einen Platz im Schatten verhandelt.
Die Hockeysparte nicht. Sie spielten. Und mittendrin war Annika Reimann. Vierzehn Jahre alt. Fan der Band „Deine Freunde“. Besitzerin eines ansteckenden Lächelns. Und ein Mädchen mit einer Lernbehinderung, das in diesen Tagen dort war, wo es sein wollte. Mehr als 4.300 Athletinnen, Athleten und Unified Partner mit geistiger und mehrfacher Behinderung kamen ins Saarland. 27 Sportarten. Tausende Geschichten.
Die Geschichte von Annika beginnt eigentlich schon ein paar Tage früher. In der Zitadelle Spandau. Dort spielten „Deine Freunde“, die selbst ernannte coolste Kinderband der Welt. Hip-Hop, Pop und elektronische Beats, verpackt in kluge, witzige Texte. „Ich finde die selber gut“, sagt Papa Dominik. Es klingt ein bisschen wie ein Geständnis. Vermutlich gibt es mehr Eltern, die diesen Satz unterschreiben würden, als sie es öffentlich zugeben möchten.
Annika liebt die Band sowieso. „Quatsch mit Soße.“ Vor allem „Bestimmer.“ Ein Lied über den Wunsch, selbst die Regeln aufzustellen. Eigentlich ein ziemlich passender Soundtrack für die Special Olympics.
Denn bei diesen Spielen geht es nicht darum, was Menschen nicht können. Sondern darum, was sie können.
Es ist ihr wichtigstes Wort dieser Tage. Wichtiger als jede Platzierung. Denn Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung werden im Alltag oft übersehen. Bei den Special Olympics stehen sie im Mittelpunkt. Hier gehören ihnen die Tribünen, die Aufmerksamkeit und der Applaus.
Annika gehört dazu. Sie läuft. Sie kämpft. Sie trifft. Vor allem aber hat sie Spaß. Nur das zählt.
Die Familie Reimann lebt Hockey ohnehin mit bemerkenswerter Konsequenz. Mama Simone hat selbst gespielt. Papa Dominik ist Torwartrainer. Besser gesagt: Unterhaltungschef. Die große Schwester Amelie stand beim HC Falkensee im Kasten und ist Annikas größter Fan.
Im Saarland wurde aus vielen einzelnen Spielerinnen und Spielern schnell eine verschworene Mannschaft. Und irgendwann entstand ein Motto. Nicht in einer Werbeagentur. Sondern direkt in der Mannschaft. Kapitän Kevin fand dafür eine direkte Formulierung: „So! Nochmal die Arschbacken zusammenbeissen.“
Am Ende sprang Platz vier heraus. Auf dem Papier ist das eine Zahl. Für Simone Reimann bedeutet diese Woche etwas anderes. „Platz 4 erreicht! Aber soviel Liebe und tolle Begegnungen erfahren! Jeder für jeden halt. Und das bei Affenhitze!“ Vielleicht beschreibt das die Special Olympics besser als jedes Edelmetall.
Denn diese Spiele handeln natürlich vom Sport. Aber eben nicht nur. Sie handeln von Begegnungen. Von Gemeinschaft. Von Lebensfreude. Und manchmal auch von einem Mädchen, das nach einem Tor die Lieder der Lieblingsband summt.

