Die Reise zum anderen Ufer

Robert Hogervorst: Text und Illustrationen

Lesezeit: 21 Minuten

Ich schlief und träumte von schwarzen Gestalten, die jenseits eines Flusses vorbeimarschierten. Das Dröhnen ihrer Fußstapfen fühlte sich bedrohlich an. Gott sei Dank war da der Fluss, der mich von ihnen trennte. Vor mir sah ich einen Vogel auf einem Baum sitzen. Er rief: „Steh auf und geh zum Würfelwerfer!“ Seine Stimme klang wie ein Befehl. Ich stand auf und sah meinen Körper im Bett liegen. Ist das wirklich, dachte ich? Alles war zur gleichen Zeit da. Das Zimmer. Der Fluss. Der Vogel. Irgendetwas in mir sagte: „Geh!“ Ich verließ das Zimmer und befand mich bald auf einer weit ausgedehnten Ebene. Eine Wolke aus Staub kam auf mich zu. „Was machst du hier an diesem Ort?“, fragte sie. „Ich will zum Würfelwerfer“, antwortete ich. „Wer hat dir denn so was gesagt?“ „Ein Vogel, der mich weckte.“ Daraufhin drehte sich die Wolke unruhig um ihre Achse. „Sollen die Menschen das schon jetzt erfahren?“ „Was meinst du damit?“, fragte ich. Hast du mal vom Zufall gehört?“ „Schon, aber was hat das mit dem Würfelwerfer zu tun?“ „Bei euch, da unten, bleiben es Zahlen, wenn ihr würfelt. Bloß ein Spiel. Hier, in dieser Welt, verursacht es Glück oder Unglück.“ „Wer würfelt denn in deiner Welt?“ fragte ich. Aber ehe ich eine Antwort bekam, flog die Wolke schon himmelwärts. Noch kurz herunterschauend fragte die Wolke, wie ich denn heiße? „Celia!“, rief ich ihr zu. Ob sie es verstanden hat, weiß ich nicht.

Nach einiger Zeit kam ich an ein Haus. Vor dem Haus stand eine Frau. Im Hof des Hauses standen zwei Männer. Sie schienen wie gefesselt an den Boden. Auf einem hohen Tisch spielten sie mit Würfeln. „Darf ich hereinkommen, um mich zu wärmen?“, fragte ich die Frau. Sie antwortete: „Hier ist alles aus Glas. Wärme musst du dir selbst mitbringen.“„Darf ich wenigstens hier kurz ruhen, bevor ich weitergehe?“ fragte ich sie. „Wo musst du denn hin?“ „Zum Würfelwerfer“, antwortete ich. „Zum Würfelwerfer?“ Im selben Moment, als dieses Wort fiel, wandten sich die zwei Männer zu mir. „Du gehst zum Würfelwerfer?“ „Ja“, antwortete ich. „Könntest du ihn bitten, dass er uns die fehlenden Zahlen gibt?“ „Was meint ihr damit?“ „Uns fehlen die 1 und die 5. Wir bleiben immer stecken und bekommen unvollständige Antworten.“ „Was für Antworten sucht ihr denn?“ „Jede Zahl ist hier ein Wort, und erst wenn wir die richtigen Worte in der richtigen Reihenfolge zusammengewürfelt haben, können wir diesen Ort verlassen.“ „Aber wie könnt ihr wissen, ob es die richtige Reihenfolge ist?“ „Das sollte sich aus dem Sinn ergeben“, sagte der eine Mann. „Das verstehe ich nicht. Wenn man mehrmals würfelt, entstehen doch jedes Mal neue Sinnzusammenhänge. Wie könnt ihr wissen, welcher der richtige ist?“ „Wir brauchen Glück“, sagte der andere. „Wer seid ihr eigentlich? Wie sind eure Namen?“ „Die hat man uns vor langer Zeit weggenommen. Einst waren wir wie du, aber wir haben uns an Üblem beteiligt. Mord und Totschlag. Verloren Gott und die Welt.“ „Dann muss ich mich vor euch fürchten?“„Fürchte dich nicht! Wir sehnen uns nach Erlösung. Schon seit über hundert Jahren sitzen wir hier fest. Bitte, lass uns nicht im Stich.“ „Warum fragt ihr nicht die Frau um Hilfe?“ „Sie ist aus Glas. So wie das ganze Haus hier. Sie kann uns nicht helfen. Sie kann nur Antworten geben auf das, was wir schon wissen, aber nicht auf das, was noch unbekannt ist.“ „War sie immer aus Glas?“, fragte ich. „Nein, sie gehört eigentlich zu den Steinmenschen. Sie hat aber unerlaubt im Fluss des Würfelwerfers gebadet, und dafür wurde sie bestraft“, antwortete einer der Männer.

Da fing plötzlich die Glasfrau wieder an zu sprechen: „Hier ist alles anders als in deiner Welt. Jede Zahl ist umgekehrt zu lesen. Das Vergangene kommt zuerst und die Gegenwart kommt zuletzt. Das Kind gebiert die Mutter und der Tod kommt vor der Geburt.“ „Davon habe ich noch nie gehört. Ihr seid mir sehr fremd“, antwortete ich. „Ist jemand von euch je dem Würfelwerfer begegnet?“ „Ja. Einmal sind wir ihm begegnet. Hinter einem riesigen Felsen hörten wir ihn sprechen. Er entschied, wer leben oder sterben soll. Auch Staubwolken kommandierte er. Sie sollten Seuche oder Dürre über das Land verbreiten.“ „Was sagt ihr da? Ich habe gerade eine Staubwolke getroffen, die schien mir aber nicht bösartig.“ „Das kann stimmen, je nach ihrem Auftrag“, sagte einer der Männer. „Ist der Würfelwerfer denn gut und böse zugleich?“, fragte ich. Da schauten die beiden mich an und schwiegen. Die Glasfrau aber nickte. Ich beschloss, nicht länger an diesem Ort zu bleiben, und setzte meinen Weg fort. Unterwegs quälte mich die Frage, was dies alles zu bedeuten hat: Die Frau aus Glas. Die zwei Mörder. Die Staubwolke. Der Würfelwerfer, vor dem man sich fürchten sollte.

Nach einer Weile hatte ich das Gefühl, ich laufe im Kreis herum. Der Weg war voller Steine. Kein Mensch war zu sehen. Ich erreichte eine Anhöhe, und unter mir sah ich die Gestalten wieder, welche ich am Anfang, jenseits des Flusses, gesehen hatte. Ihre Köpfe waren in Nebel gehüllt. Sie bildeten dicht aneinander gedrängt eine hohe Mauer. Eine seltsame Stille ging von dieser Mauer aus. Ich lief die Mauer entlang, ohne einen Durchgang zu finden, streckte meine Hand aus, um zu fühlen, ob sie wirklich aus Stein war. Da hörte ich eine Stimme fragen: „Wer bist du und wo kommst du her?“ „Ich komme aus dem Glashaus.“ „Hast du meine Mutter gesehen?“ „Ist das deine Mutter, die vor dem Haus steht?“ „Dann hast du meine Mutter gesehen“, sagte der Steinmensch. „Und was hat sie gesagt?“, fragte die Stimme. „Sie hat einiges gesagt“, versetzte ich zur Antwort, „dass ich mir selber die Wärme besorgen soll und dass alles an diesem Ort anders ist, als was ich gewohnt bin.“ „Das hat sie gesagt?“ „Ja“. „Und einer der Mörder hat erzählt, dass ihre Mutter im Fluss des Würfelwerfers gebadet hat und daraufhin verbannt wurde.“ „Hat er das?“ „Ja, das hat er.“ „Hör zu, bald werden die Steinmenschen wieder aufwachen. Du musst hier verschwinden. Ich drehe mich jetzt ein bisschen zur Seite. Dann kannst du durch den schmalen Spalt an mir vorbeigehen. Nimm den Weg bis zur Wegsperre, danach weiter über die Brücke, dann kommst du wie von selbst in das Land des Würfelwerfers. Eines musst du beachten: Die Wegsperre ist mit drei Wächtern besetzt. Der erste verspottet jeden, der zweite ist ein Lügner und der dritte kann nur hassen. Die werden dich auf die Probe stellen. Geh nun und vergiss uns nicht.“ „Wie kann ich euch vergessen? Euer Schicksal ist von Schwere und Einsamkeit geprägt. Wie habt ihr alle so werden können?“

„Frage das im Land des Würfelwurfs. Vielleicht erhältst du dort eine Antwort.“

Nach einer Weile erreichte ich die Wegsperre. „Du hast dich wohl verirrt in diese Gegend“, schrien die drei schon von Weitem. „An deiner Haltung sehe ich, dass du dich für etwas Besonderes hältst“, sagte der Erste. „Nichts bist du wert hier“, sagte der Zweite. „Ich hasse deinen Eifer“, sagte der Dritte. „Ich will über die Brücke zum Würfelwerfer“, antwortete ich gelassen. „Glaubst du denn, dass er dich empfangen wird? Das kannst du vergessen. Ein verkehrtes Wort in seiner Welt und er stößt dich in den Abgrund. Du wirst nicht der Erste sein, bei dem das zutrifft.“ Laut lachend stimmten sie ein wildes Lied an:

Dabei stampften sie mit ihren kurzen Beinen wie verrückt auf den Boden. Dann sagte der Erste: „Dieses Ding, was da steht, wird an unserer Wegsperre nicht vorbeikommen.“ „Auch ihr Verstand scheint mir zu gering“, sagte der Zweite. „Ja eben“, sagte der Dritte, „lasst sie uns in den Abgrund stoßen.“ Da fasste ich Mut und sagte: „Ich fürchte mich nicht vor euch. Ihr seid nur Spott, Lüge und Hass, weil ihr nichts anderes kennt. Aber es gibt eine Welt, in der es davon nichts gibt.“ Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, da fingen sie zu schrumpfen an. Immer kleiner wurden sie, bis sie sich in drei Steinchen verwandelten. Ich hob sie auf und steckte sie in meine Tasche.

Ein seltsames Licht beschien den Weg, auf dem ich ging. Da hörte ich jemanden singen. Eine Frauenstimme. Ich folgte dem Klang und kam an einen Fluss. Auf einem Stein saß eine Frau. Sie hatte lange Haare und sang ein Lied, das mich an Trauer und Sehnsucht erinnerte. Als sie mich sah, hörte sie auf zu singen. „Du bist auf dem Weg zum Würfelwerfer, nicht wahr?“ „Woher weißt du das?“ „Alle, die diesen Weg gehen, wollen zu ihm.“ „Kennst du ihn?“ „Ja, ich kenne ihn. Er ist mein Vater.“

„Einiges haben sie mir erzählt. Ich habe von ihrem Schicksal erfahren und warum sie so geworden sind. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Taten.“ „Das ist wahr“, sagte die Frau. „Mein Vater ist gerecht, aber seine Gerechtigkeit ist hart. Er gibt jedem, was er verdient. Wer Böses tut, wird zu Stein oder zu Glas oder zu etwas anderem, das seiner Tat entspricht.“ „Aber ist das nicht grausam?“ „Es ist die Ordnung dieser Welt. Ohne sie gäbe es nur Chaos.“

Ich gehörte einst zu den Steinmenschen, die du getroffen hast. Das ist so lange her, dafür gibt es keine Worte. Ich war jung und schön und eitel. Ich verspottete die, die weniger schön waren als ich. Da verwandelte mich mein Vater in Stein, damit ich lernen sollte, was es heißt, unbeweglich und kalt zu sein. Hundert Jahre stand ich als Stein. Dann erbarmte sich mein Vater und gab mir diese Gestalt zurück, aber ich darf diesen Fluss nicht verlassen.“ „Warum nicht?“ „Weil ich noch nicht ganz gelernt habe, was Demut ist. Erst wenn ich es ganz gelernt habe, darf ich wieder frei sein.“

„Ein Vogel hat mich dazu aufgefordert. ‚Wach auf!‘, hat er gesagt. Ich bin dann aufgestanden und habe meinen Körper im Bett liegen sehen.“ „Ein Vogel?“, fragte die Frau nachdenklich. „Ja, ein Vogel.“ „Dann bist du auserwählt. Nicht jeder wird von einem Vogel geweckt. Der Vogel ist der Bote meines Vaters. Er weckt nur die, die eine Aufgabe haben.“ „Was für eine Aufgabe?“ „Das wirst du erfahren, wenn die Zeit gekommen ist. Geh jetzt weiter. Folge dem Fluss, bis du an eine Brücke kommst. Über die Brücke gelangst du in das Land meines Vaters. Aber sei gewarnt: Nicht alles, was du dort siehst, ist, wie es scheint.“

Die Begegnung mit dieser Frau hatte einen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Sie war irgendwie voller Trauer und doch schön. Ich folgte dem Fluss, wie sie es mir gesagt hatte, und kam nach einer Weile tatsächlich an eine Brücke. Sie war schmal und wackelig und führte über einen tiefen Abgrund. Auf der anderen Seite konnte ich ein Haus sehen. Es war ein großes Haus aus Stein. Aus dem Schornstein stieg Rauch auf. Vorsichtig ging ich über die Brücke. Sie schwankte bei jedem Schritt, aber sie hielt. Als ich die andere Seite erreichte, stand ich vor dem Haus. Die Tür war verschlossen. Ich klopfte, aber niemand öffnete. Da hörte ich hinter dem Haus eine Stimme. Es war eine tiefe Stimme, die etwas murmelte. Ich ging um das Haus herum und sah einen alten Mann, der an einem Tisch saß. Vor ihm lagen viele Würfel. Er nahm sie in die Hand, schüttelte sie und warf sie auf den Tisch. Dann betrachtete er das Ergebnis und murmelte etwas. Das musste der Würfelwerfer sein. Ich wagte nicht, ihn zu stören, und blieb einfach stehen und schaute zu. Nach einer Weile hob er den Kopf und schaute mich an. „Du bist also gekommen“, sagte er. „Ich habe dich erwartet.“ „Du hast mich erwartet?“ „Ja. Ich habe den Vogel geschickt, um dich zu wecken.“ „Warum?“ „Weil ich eine Aufgabe für dich habe. Aber zuerst setz dich und ruh dich aus. Du hast einen langen Weg hinter dir.“ Ich setzte mich zu ihm an den Tisch. Aus der Nähe sah er gar nicht so furchterregend aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sein Gesicht war von Falten durchzogen, aber seine Augen waren freundlich. „Man hat mir gesagt, ich soll mich vor dir fürchten“, sagte ich. Er lachte. „Die Menschen fürchten immer das, was sie nicht verstehen. Ich bin nicht böse. Ich gebe nur jedem, was er verdient. Ist das nicht gerecht?“ „Aber die zwei Mörder und die Glasfrau und die Steinmenschen – sie leiden.“ „Ja, sie leiden. Aber ihr Leiden hat einen Sinn. Es lehrt sie. Und wenn sie gelernt haben, was sie lernen sollen, dürfen sie weitergehen.“ „Wohin?“ „Zum anderen Ufer.“ „Was ist am anderen Ufer?“ „Das kann niemand wissen, der es nicht selbst erreicht hat.“

„Eigentlich sollte ich dir das nicht erzählen, aber weil du so nachfragst und dein Mitleid echt ist, will ich es dir sagen.“

Im Land meines Bruders, am Rande des großen Abgrundes, läuft ein glitzernder Fluss. Es ist ein Fluss aus Gold. Wer daraus trinkt, wird unsterblich. Aber die Unsterblichkeit ist ein Fluch, kein Segen. Mein Bruder hat einst daraus getrunken, und seitdem kann er nicht mehr sterben. Er herrscht über zwei Orte: An dem einen macht er die Menschen stumpf mit einer Maschine, die die Luft verpestet. An dem anderen verspricht er den Menschen ewiges Leben und führt sie in die Irre. Ich habe lange mit ihm gestritten, aber er hört nicht auf mich. Du, mein Kind, sollst zu diesen beiden Orten gehen und den Menschen Licht bringen. Hier, nimm diese Lampe. In ihr sind Steine aus dem goldenen Fluss. Sie leuchten und vertreiben die Dunkelheit. Gib den Menschen von diesen Steinen, damit sie sehen können und sich befreien.“ Ich nahm die Lampe entgegen. Sie war schwer und warm. „Aber wie finde ich diese Orte?“ „Folge dem Weg mit den schwarzen Steinen. Er führt dich zu den beiden Fenstern. Durch das eine kommst du zum Ort der Maschine, durch das andere zum Ort des falschen Versprechens.“

„Das liegt an der Begegnung mit meinem Bruder. Aber jetzt geh! Meinen Segen hast du.“

Und so machte ich mich auf den Weg. Zunächst folgte ich dem langen, schmalen Weg mit den schwarzen Steinen. Er führte durch eine düstere Landschaft. Keine Bäume, keine Blumen, nur kahler Boden und graue Felsen. Nach einer Weile kam ich an einen Ort, an dem zwei große Steintreppen standen. Zwischen den Treppen befanden sich zwei Fenster. Durch das eine Fenster konnte ich eine Fabriklandschaft sehen, mit hohen Schornsteinen, aus denen dunkler Rauch aufstieg. Durch das andere Fenster sah ich eine Menschenmenge, die einer großen Gestalt zujubelte. Ich zögerte, welches Fenster ich zuerst wählen sollte. Da fiel mir ein, was der Würfelwerfer gesagt hatte: dass ich beiden Orten Licht bringen soll. Also entschied ich mich, zuerst zum Ort der Maschine zu gehen. Ich suchte nach einem Eingang und fand an der Seite der Steintreppe ein kleines Türchen. Ich öffnete es und ein schmaler Gang führte mich zu einem großen Platz. Der Himmel über dem Platz war grau und schwer. Überall standen Fabrikgebäude, und ein beißender Geruch lag in der Luft. Auf dem Platz sah ich viele Menschen. Sie bewegten sich langsam und träge, als ob sie halb schliefen. Ihre Gesichter waren ausdruckslos. Ich sprach einen von ihnen an: „Warum bewegt ihr euch so langsam?“ Er schaute mich mit müden Augen an. „So ist es hier immer“, sagte er. „Die Luft macht uns müde.“ „Warum atmet ihr sie dann?“ „Wir haben keine Wahl. Es gibt keine andere Luft.“ „Wer hat diese Maschine gebaut, die die Luft verpestet?“ „Der Herr der Maschine. Er sagt, sie ist notwendig für unser Leben.“ Da wusste ich, dass dies der Ort war, von dem der Würfelwerfer gesprochen hatte.

Nicht lange danach begann es zu schneien. Der Schnee beruhigte mich. Als ich hinaufblickte, sah ich, dass es gar kein Schnee war, sondern Asche, die vom Himmel fiel. Ich verstand jetzt noch besser, wie sehr dieser Ort unter der Maschine litt. Weiter ging ich über den Platz und suchte nach dem Herrn der Maschine. Hinter einem der Fabrikgebäude fand ich ihn. Er war eine große Gestalt, ganz aus Lava und Feuer. Wo er hintrat, verbrannte der Boden. „Was suchst du hier?“, fragte er mit dröhnender Stimme. „Ich bringe den Menschen Licht“, antwortete ich. „Licht? Hier gibt es kein Licht. Hier gibt es nur meine Maschine.“ „Deine Maschine tötet die Menschen.“ „Sie brauchen die Maschine. Ohne sie können sie nicht leben.“ „Das ist eine Lüge. Sie können sehr wohl ohne sie leben. Sie haben nur vergessen, wie.“ Da wurde er zornig und griff nach mir. Aber ich hob die Lampe hoch, und ihr Licht traf ihn. Er wich zurück, denn das Licht schien ihm wehzutun. In diesem Moment kam eine Frau auf mich zu. Sie war nicht so träge wie die anderen. „Wer bist du?“, fragte sie. „Ich bin das Vogelmädchen. Ich bringe euch Licht.“ Ich gab ihr einen der leuchtenden Steine. „Hüte diesen Stein. Er wird euch helfen, dem Herrn der Maschine zu widerstehen. Sein Licht vertreibt die Dunkelheit und die Trägheit.“ Die Frau nahm den Stein und ihre Augen wurden hell und wach. „Danke“, sagte sie. „Ich fühle mich, als ob ich aus einem langen Schlaf erwache.“ „Komm, wir gehen zurück zur Hütte“, sagte die Frau.

„Komm, wir gehen zurück zur Hütte“, sagte die Frau. In der Hütte holte sie aus einem Schrank ein altes Buch hervor. „Dies ist das Buch der alten Zeit“, sagte sie, „aus der Zeit, bevor die Maschine kam. Darin steht, wie das Leben früher war, als der Himmel noch blau und die Luft noch rein war.“

Schon war ich auf demselben Weg zurück und befand mich bald in der Nähe der Fenster. Dieselbe Dunkelheit lag über dem Ort, genau wie auf dem Hinweg. Zu meiner Überraschung sah ich erst jetzt, dass sich an der Seite der beiden Steintreppen ein Türchen befand. Konnte man durch das Türchen in deren Welt eintreten? Ich merkte, wie ich zögerte. Ich fürchtete mich – ehrlich gesagt – auch ein bisschen. In dem Moment fing die Lampe an zu leuchten. Ich öffnete das Türchen und ein schmaler Gang führte mich zu einem großen Platz. Diesmal sah es etwas anders aus als beim ersten Mal. Die Fabrikgebäude standen mehr im Hintergrund. Direkt vor mir sah ich riesige Türme mit offenen Fenstern. Schlafende Menschen lagen auf Pritschen. Eine seltsame Stille lag über dem Platz. Plötzlich fühlte ich mich von vielen Augen angeschaut. Meine Lampe leuchtete hell auf und beleuchtete den ganzen Platz. Dann sah ich, wie hinter einem der Türme die Figur aus Lava mich hasserfüllt anstarrte. Sie trat näher heran, aber überschritt nicht den Lichtkreis meiner Lampe. „Warum störst du meine Welt?“ Seine Stimme klang mächtig. Er nahm einen Stein in seine Hand und presste, als Zeichen seiner Kraft, Staub heraus. „Du hast die Menschen einschlafen lassen, und kein Wesen, das Flügel trägt, findet das gerecht“, antwortete ich ihm. Über meine Antwort lachte er zynisch: „Das wollen sie selber so!“ „Nein!“, antwortete ich, „sie haben die Maschine gebaut und damit die Luft verpestet.“ Durch unser Gespräch waren einige Menschen in den unteren Etagen der Türme aufgewacht. Sie schauten zu mir herüber. Sofort versteckte sich die Gestalt. „Wer bist du?“, fragte einer der Menschen. „Ich bin das Mädchen, das vom Vogel geweckt wurde. Ich habe gesehen, wie ihr gezwungen werdet, Luft zu atmen, die todbringend ist.“ „Tut sie das? Wir kennen nichts anderes. Der Maschinenmensch hat uns gesagt, dass wir dadurch nicht krank werden.“ „Er lügt, und das ist seine Art, euch an Dinge glauben zu lassen, die es nicht gibt. Hier ist ein Stein aus meiner Laterne. Er wird immer leuchten und euch helfen, dem Herrn der Maschine zu widerstehen und ihm ins Gesicht zu schauen. Das ist, was er nicht mag. Wenn er sich entlarvt fühlt, wird er gezwungen sein, die Maschine zu stoppen. Der blaue Himmel wird zurückkehren und die Welt um eure Türme wieder grün. Es wird gewiss Zeit brauchen, aber hütet die kleine Flamme, die von dem leuchtenden Stein ausgeht. Vergesst nicht, ein Gehäuse um sie zu bauen!“ Einer der Menschen nahm den Stein in Empfang und dankte mir.

„Danke nicht mir, sondern dem Würfelwerfer, der ihn mir gegeben hat. Der Stein stammt aus dem goldenen Fluss, der hinter seinem Haus fließt. Jetzt muss ich wieder gehen.“

Ich schloss das Türchen hinter mir und lief zur anderen Seite. Die andere Seite hatte einen ähnlichen Eingang. Als ich eintraf, wurde ich überwältigt von dem Lärm, der mir entgegenscholl. „Er kommt, er kommt!“, hörte ich die Menschenmenge rufen. „Wer kommt?“, fragte ich jemanden, der neben mir stand. „Der Prophet kommt. Er wird den Spalt schließen und wir werden gemeinsam hinübergehen können.“ „Wo wollt ihr denn hin?“ „Zum Tal des ewigen Lebens. Wo unser Körper nicht länger dem Tod geweiht ist.“ Inmitten der Menschenmasse erschien eine große Gestalt. Sie hatte etwas Elektrisierendes um sich. Kleine Fünkchen sprangen von ihrem Mantel ab. Man konnte fast hören, wie es knisterte. Die Menge rief im Chor: „Schließe den Spalt! Schließe den Spalt!“ Unwillkürlich fiel ein Teil meines Mantels herunter und machte damit die Lampe sichtbar. Als ob der Blitz eingeschlagen hätte, so heftig reagierte die Gestalt und rief mit lauter Stimme: „Was machst du hier?“ Das ganze Getöse erstarrte im selben Moment und alle Menschen um mich herum standen bewegungslos da. Wie am Boden festgeklebt. Auch ihre Gesichter bewegten sich nicht mehr. „Ich bin das Mädchen, das vom Vogel geweckt wurde.“ „Wie konntest du in mein Reich eindringen?“ „Ich fand das Türchen offen.“ „Wer hat dir diese Lampe gegeben?“, fragte er. „Der Würfelwerfer.“ „Warst du in seinem Haus?“ „Nein, aber ich habe seine Stimme gehört.“ „Worüber habt ihr geredet?“ „Über meinen Weg, den ich gegangen bin.“ „Du hast mich gestört in meinen Absichten“, sagte er und schaute mich dabei bedrohlich an. „Sie tun nicht recht daran, die Menschen glauben zu lassen, dass Leben und Tod nicht zusammengehören!“ „Du hast dein Wort gesprochen“, antwortete er barsch. „Darauf werden Taten folgen.“ Und mit einem hasserfüllten Gesicht drehte er sich um und verschwand. Im selben Moment wachte die Menge auf, und als die Menschen sahen, dass er nicht mehr da war, riefen sie laut: „Wer ist daran schuld?“

Schnell deckte ich meine Lampe zu und verschwand durch das Türchen wieder nach draußen. Ich fühlte mich wie ein Dieb, der sich davongeschlichen hat. Ich wollte dieses Erlebnis unbedingt mit dem Bruder des Würfelwerfers besprechen, falls ich ihn wieder treffen sollte. Nicht lange danach traf ich ihn wieder. „Dass du den Weg zurückgefunden hast, spricht für deinen Mut“, sagte er. Ich erzählte ihm von meinem Besuch an den beiden Fensterorten. „Ja“, sagte er, „die werden noch lange bestehen. Mit meinem Bruder habe ich oft darüber gesprochen. Die eine Seite macht den Menschen stumpf und träge, die andere Seite lässt den Menschen sich in Illusionen verlieren.“ Dann holte er aus seiner Weste eine Uhr hervor, schaute darauf und sagte: „Es wird bald Zeit, dass du wieder in deine Welt zurückkehrst.“ „Ja, aber vorher will ich noch die Glasfrau besuchen und die zwei Mörder. Vielleicht kann ich den beiden helfen, den richtigen Satz zu finden.“ „Hier, mein Kind, ich gebe dir eine weiße Kreide mit, damit kannst du auf deren Würfel die 1 und die 5 schreiben. Ich habe mit meinem Bruder gesprochen. Du darfst ihnen helfen, hat er gesagt. Geh jetzt und beeile dich. Nachdem du dein Vorhaben erledigt hast, gehst du ins Wohnzimmer des Glashauses, stellst dich vor den großen Spiegel und sprichst: ‚Ich bin das Vogelmädchen‘, und schneller als das Licht wirst du wieder in dein Bett zurückkehren.“ Im Nu war ich im Glashaus. Da nahm ich die Frau aus Glas zur Seite und drückte ihr einen Stein in die Hand. „Oh, wie wird mir warm!“, sagte sie. „Kann ich jetzt diesen Ort wieder verlassen?“ „Ja, das kannst du. Und zeige auch deinem Sohn diesen Stein. Er wird Licht bringen in eure Welt.“ Die Glasfrau verließ sofort das Glashaus. Die zwei Mörder schauten mich bittend an, hoffend, dass ich auch etwas für sie habe. „Zeigt mir eure Würfel!“ Sie legten sie auf den Tisch. Auf die zwei leeren Stellen schrieb ich mit der Kreide die 1 und die 5. „Nun würfelt!“ Und aus den beiden Würfeln rollte der Satz: „IHR SEID FREI!“ „Vielen, vielen Dank“, sagten sie. Sie küssten dem Mädchen die Hand und machten sich davon. Und ich? Ich stellte mich vor den Spiegel und sprach: „Ich bin das Vogelmädchen“ und schlug mit einem scharfen Stein den Spiegel in Scherben.

Sowohl der Text als auch die Bilder wurden uns von Robert Hogervorst freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Alle Rechte verbleiben ausdrücklich bei ihm! Mehr über den Künstler finden Sie unter www.arthogervorst.com

Ähnliche Beiträge