Ich bin raus! Metallica im Olympiastadion

Die Rock-Band Metallica hat ihre Auftritte bis zum Exzess durchkommerzialisiert. Höhepunkt war jetzt der Auftritt im Olympiastadion in Berlin. Gerade ältere Fans wollen dabei nicht mehr mitmachen.

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Ich bin raus. Weil ich diesen bis zum Exzess durchkommerzialisierten Wahnsinn nicht mehr mitmache. Ich habe Metallica zwölf Mal gesehen. So oft wie keine andere Band. Diesmal nicht. Boykott.

1991, Waldbühne Berlin. Metallica, wenige Wochen nach dem „Black Album“. 50 Mark. Plus AC/DC und Queensrÿche. Kein System, kein Aufschlag, kein Algorithmus. Wer ein Ticket wollte, stellte sich an. Und ging mit einem Stück Gegenwart nach Hause, das niemand „Legendary Experience“ nannte.

2026, Olympiastadion. Dieselbe Band, dieselben Songs – und ein völlig anderes System. 151,85 Euro Einstieg, 180,60 Euro „Golden Circle“, 351,85 Euro „Snake Pit“. Dazu Pakete weit jenseits der 500, 1.400 oder 3.000 Euro. Musik als Preisliste. Emotion als Zusatzleistung. Nähe als Premiumprodukt.

Der eigentliche Headliner sitzt im Hintergrund und rechnet: Dynamic Pricing. Ein Begriff, der so harmlos klingt wie ein Wetterphänomen, tatsächlich aber Gier in Technik übersetzt. Je größer die Nachfrage, desto höher der Preis. Nicht besser. Nur teurer. Früher war „ausverkauft“ ein Zustand. Heute ist es ein Geschäftsmodell. Und genau dieses Modell hat sein perfektes Publikum gefunden.

Ich habe Tour-Shirts im Schrank, die älter sind als manches Champagner-Häschen im Golden Circle. Früher waren das Spuren. Gelebt. Erlebt. Heute sind es Kostüme. Sie kommen aus einer Welt, in der Uhren am Handgelenk baumeln, die teurer sind als eine Eigentumswohnung. In der Handtaschen mehr kosten als ein Kleinwagen und nur dazu dienen, irgendwo abgestellt zu werden, während man gesehen wird.

Diese Ästhetik steht jetzt im Olympiastadion im „Golden Circle“, adrett rebellisch, frisch gekaufte Bandshirts, die noch nie Schweiß gesehen haben. Und wirken, als hätten sie sich im Event vertan, aber das richtige Preissegment erwischt. Man nickt vorsichtig zur Musik, als könnte sie Flecken hinterlassen. Man filmt, man lächelt, man prüft, ob man richtig steht. Isst Banane-Pekanuss-Ziegenmilch-Karamell-Eis im Moshpit.

Wir nennen sie Eventies. Die Klatschpappen-Fraktion. „Ist das schon Enter Sandman?“, „Spielen die auch was Ruhigeres?“ „Kommt da noch jemand Bekanntes?“ Wo auf dem Smartphone Helene Fischer als Klingelton dudelt. Und irgendwo fragt jemand ohne Ironie, ob es einen Bereich gibt, in dem man den Schoßhund unterbringen kann. Das ist nicht die Ausnahme. Das ist die Zielgruppe.

Wer heute Metallica live sehen will, braucht nicht nur Ohrstöpsel, sondern eine Finanzstrategie. Und ein T-Shirt. Am besten auf Raten. Das Konzert wird zur Kulisse, die Band zum Accessoire, der Abend zum Content. Man kauft sich hinein, sammelt Beweise, verwertet das Erlebnis im Gespräch, im Feed, im Selbstbild.

So wird aus Rebellion ein Hintergrundgeräusch. Ich war jung, ich war laut, ich war frei. Heute bin ich 61, schwerhörig – und Teil einer besonders lukrativen Zielgruppe: Boomer, zahlungskräftig, verwertbar. Ich bin kein Nostalgiker. Aber ich frage mich, für wen diese Musik heute gemacht wird: für Fans oder für Fonds.

Boah, was gehen mir diese Alibi-Rocker auf den Zünder. Ich bin raus. Weil der Hardrock seine Seele verkauft hat.

Ronald Toplak hat diesen Text zunächst bei Facebook veröffentlicht. Wir fanden ihn so gut, dass wir gefragt haben, ob wir ihn auch haben können.

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