Es sind die Nerven – Polyneuropathie
Jeder 20. Deutsche leidet an Polyneuropathie, eine schmerzhafte Schädigung der Nervenenden. Ausgelöst wird die Krankheit vor allem durch Diabetes und Alkoholismus. Häufig ist sie aber auch Nebenwirkung einer Krebsbehandlung.
Lass die mal, die hat es mit den Nerven. Ich weiss noch genau, wie meine Mutter das zu mir als Kind gesagt hat. Sie meinte eine Nachbarin, die als Jugendliche in einer der letzten Bombennächte des Zweiten Weltkriegs im Keller ihres Elternhauses verschüttet worden war. Platzangst, Panikattacken, Depressionen, die Frau hatte seitdem nicht mehr viel zu lachen.
Ich selbst habe es seit einiger Zeit auch mit den Nerven. Aber ganz anders. Der Nachbarin damals konnte nur ein Psychiater helfen, ich bin dagegen bislang eher ein Fall für den Neurologen. Aber ehrlich gesagt, wirklich helfen – und wenn auch nur vorübergehend – kann mir nur ein Physiotherapeut.
Polyneuropathie, abgekürzt PNP, heißt die Krankheit. Der ebenfalls betroffene türkische Schneider an der Ecke übersetzt das mit „ganz viel Nerv kaputt“. Der spricht wirklich noch so, auch nach 50 Jahren Deutschland.
Es handelt sich um eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der mehrere Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks geschädigt sind, was die Reizweiterleitung stört. Typische Symptome sind Kribbeln, Taubheitsgefühle, brennende Schmerzen oder Gangunsicherheit, die meistens in den Zehen und Füßen beginnen.
Als erstes fällt einem dazu der Alkoholiker ein, der immer so steif und tackelig läuft. Quasi das Stadium bevor er an einer Leberzirrhose oder an Ösophagusvarizen zugrunde geht. Sehr unerfreulich! Aber Alkoholmissbrauch ist nur ein Weg, sich eine Polyneuropathie zuzulegen.
Es gibt über 200 verschiedene Auslöser für diese Nervenschädigung. Die mit Abstand häufigsten Ursachen sind:
Diabetes mellitus: Ein dauerhaft zu hoher Blutzuckerspiegel schädigt die feinen Blutgefäße, welche die Nerven versorgen.
Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholkonsum wirkt direkt giftig auf die Nervenbahnen.
Chemotherapie: Bestimmte Medikamente gegen Krebs können als Nebenwirkung Nervenschäden verursachen.
Bei mir war es die Chemo, die unter anderem auch die Polyneuropathie verursacht hat. Und dass die Behandlung, wie übrigens jede medizinische Behandlung, nicht folgenlos bleiben würde, war von vornherein klar gewesen, es gab aber keine Alternative.
Mit Eishandschuhen und Eissocken versuchte mein Arzt mich, während die Infusionen liefen, vor den schlimmsten Nebenwirkungen zu schützen – mit überschaubarem Erfolg. Zunächst merkte ich nichts, da war ich allerdings auch noch mit Überleben beschäftigt. Als ich nur noch mit extradicken Wollsocken schlafen konnte, wurde mir klar, dass sich etwas verändert hatte.
Die Taubheitsgefühle, die Schmerzen und Krämpfe begannen in den Füßen und zogen langsam hoch. Um auch weiter Auto und Roller fahren zu können, verzichtete ich auf spezielle Medikamente wie Antikonvulsiva (z. B. Gabapentin, Pregabalin) oder Antidepressiva (z. B. Amitriptylin), die die Schmerzweiterleitung im Nervensystem dämpfen.
Stattdessen setze ich unverdrossen auf Nicht-medikamentöse Therapien: Ergotherapie (Massagen und Wärme); beim Rehasport bin ich anfangs vom Gymnastikball gerutscht, auf einem Bein stehen kann ich immer noch nicht; Schwimmen, Radfahren und Laufen helfen am besten.
Auf orthopädische Schuhe kann ich bislang verzichten, auch einen Stock oder Rollator brauche ich nicht – noch nicht. Wer mich sieht und mich nicht kennt, kriegt von meinem Handicap nichts mit und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt.
Wie sich eine Polyneuropathie entwickelt und wie schlimm sie wird, hängt ganz entscheidend von der zugrunde liegenden Ursache und dem Zeitpunkt des Therapiebeginns ab. In den allermeisten Fällen verläuft die Erkrankung chronisch-schleichend über Jahre, führt aber nicht direkt zu einer verkürzten Lebenserwartung.
Im Extremfall kommt es zu schweren Lähmungen und einem fast vollständigen Gefühlsverlust in den Extremitäten. Berüchtigt ist das „diabetische Fußsyndrom“: Weil Betroffene durch die Taubheit keine Schmerzen mehr spüren, werden kleine Wunden, Druckstellen oder Steinchen im Schuh übersehen. Es können sich tiefe, chronische Geschwüre bilden, die im schlimmsten Fall zu Amputationen führen.
Aber es gibt auch Hoffnung, und die stirbt bekanntlich zuletzt: Ein Diabetes lässt sich einstellen, und ist die Ursache der PNP eine Chemotherapie, bilden sich die Beschwerden bei vielen Patienten zumindest teilweise wieder zurück.
Also vorwärts, um nicht zum Krüppel zu werden! Treppensteigen, Laufen, Radfahren, Schwimmen und nicht aufgeben!

