AFD: Normalfall 29 Prozent

Aktuelle Umfragen sehen die AfD bei 29 Prozent, was CSU-Chef Markus Söder zu Warnungen vor Weimarer Verhältnissen veranlasst hat. Der Beitrag analysiert, wie autoritäre Bewegungen Demokratien durch schleichende Aushöhlung gefährden und zieht Parallelen zum Untergang der Weimarer Republik.

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Beginnen wir mit einer Zahl, denn Zahlen haben den angenehmen Vorteil, nicht beleidigt zu sein, wenn man sie beim Namen nennt:

So hoch sah eine aktuelle INSA-Erhebung vom 16. Mai für die Bild am Sonntag die AfD im Bund; die Union lag danach bei 22 Prozent, die SPD bei 12 Prozent, die Grünen bei 14 Prozent, die Linke bei 10 Prozent, FDP und BSW jeweils bei 3 Prozent. Die Erhebung wurde laut dpa/WELT unter 1.203 Befragten durchgeführt; INSA nennt eine Fehlertoleranz von ±2,9 Prozentpunkten. Wahlumfragen sind immer Momentaufnahmen und keine Orakel. Wer aber bei 29 Prozent immer noch von nur einem »Protestsignal« spricht, kann auch einen Rauchmelder als »melodisches Objekt des Innenausbaus« missverstehen.

Markus Söder (CSU), selten im Verdacht, politische Untertreibung zu pflegen, hat kürzlich auf dem Katholikentag in Würzburg einen großen historischen Vergleich bemüht: Sollte die demokratische Regierung aus CDU, CSU und SPD scheitern, sagte er, drohten »Weimarer Verhältnisse«; in der offiziellen Pressemitteilung wird er noch deutlicher zitiert: »Wenn jetzt wieder eine demokratische Regierung scheitert, aus welchen Gründen auch immer, dann gehen wir den Weimarer Weg.« Die Entwicklung könne nicht den gleichen, aber einen ähnlichen Verlauf nehmen wie am Ende der Weimarer Republik. Gemäß einem Zitat im Tagesspiegel sagte Söder über die AfD: »Ich behaupte, dass die AfD die schlimmste rechte Organisation in ganz Europa ist und das müssen wir benennen.«

Das ist nicht gerade die Sprache eines kulturpessimistischen Feuilletonisten nach dem dritten Espresso. Das ist die Sprache eines bayerischen Ministerpräsidenten, der begriffen hat, dass Brandmauern nicht dadurch stehen bleiben, dass man ihre Baustatik am Sonntag rhetorisch lobt und am Montag kommunalpolitisch untertunnelt.

Man sollte mit historischen Vergleichen vorsichtig sein. Nicht, weil sie verboten wären, sondern weil sie in Deutschland meist entweder als Nebelmaschine oder als Totschlaginstrument benutzt werden. Wer »1933« sagt, hat den Raum sofort elektrisch aufgeladen. Wer es zu oft sagt, nimmt dieser Jahreszahl ihre Bedeutung. Und wer das nie sagt, obwohl die Tapete bereits wieder braun schimmert, verwechselt Gelassenheit mit Feigheit.

Die NSDAP kam nicht dadurch an die Macht, dass Deutschland eines Morgens kollektiv mit Hakenkreuz-Armbinden aufwachte. Und auch nicht, weil eine Mehrheit der Deutschen in freier, ruhiger, republikanischer Heiterkeit beschlossen hätte: Geben wir doch den Barbaren einmal das Kanzleramt, vielleicht renovieren sie ja nebenbei die marode Infrastruktur.

Die NSDAP kam an die Macht, weil eine demokratische Ordnung ausgehöhlt wurde, weil wirtschaftliche Angst politisch vergiftet wurde, weil Gewalt auf der Straße normalisiert wurde, weil Presse, Parlament und Gegner systematisch delegitimiert wurden – und weil konservative Eliten glaubten, sie könnten den schnauzbärtigen Mann, den sie eigentlich verachteten, für ihre eigenen Interessen benutzen. Also vielmehr eine Kombination aus Wahlmobilisierung, demokratischer Erschöpfung, konservativer Selbstüberschätzung, institutioneller Feigheit und Gewalt.

Die Zahlen sind bekannt und trotzdem jedes Mal ernüchternd: 1928 lag die NSDAP bei 2,6 Prozent. 1930 sprang sie auf 18,3 Prozent. Im Juli 1932 wurde sie mit 37,4 Prozent stärkste Partei, fiel im November 1932 auf 33,1 Prozent zurück. Im März 1933, unter massiver Einschüchterung und nach der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes vom 4. Februar 1933 sowie der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933, also Terror und zweier außerparlamentarischer Notverordnungen, erreichte sie 43,9 Prozent. Keine absolute Mehrheit und nie der mythische Volkswille, den die Propaganda später daraus schnitzte.

Historischer Befund: Hitler wurde am 30. Januar 1933 nicht durch eine absolute parlamentarische Mehrheit »gewählt«, sondern von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Die NSDAP war damals stärkste Reichstagsfraktion, regierte aber zunächst in einem Präsidialkabinett ohne eigene Mehrheit. Die anschließende Diktatur entstand durch ein Zusammenspiel aus legalen Hebeln, Gewalt, Notverordnungen, Terror, Gleichschaltung, propagandistischer Dauererregung und dem Versagen konservativer Eliten, die glaubten, Hitler »einrahmen« zu können.

Wahlergebnisse der NSDAP bei Reichstagswahlen: Die Partei stieg von 2,6 Prozent im Jahr 1928 auf 18,3 Prozent 1930, 37,4 Prozent im Juli 1932, fiel im November 1932 auf 33,1 Prozent und erreichte am 5. März 1933 unter Bedingungen massiver Einschüchterung und Repression 43,9 Prozent. Auch dieses Ergebnis war keine absolute Mehrheit.

Eine absolute Mehrheit hatte Hitler nie. Aber er hatte etwas Gefährlicheres: Eliten, die glaubten, ihn einrahmen, zähmen und benutzen zu können. Die NSDAP war damit vielmehr eine aggressive Minderheitsbewegung, die mit Hilfe der Institutionen und der Feigheit anderer zur Macht gelangte.

Das ist der erste unangenehme Punkt: Autoritäre Bewegungen müssen eine Demokratie nicht zwingend frontal stürmen. Sie können auch ganz entspannt durch die Vordertür eintreten, den Mantel an die Garderobe hängen, eine Runde Kaffee bestellen – und dann in aller Seelenruhe die Hausordnung umschreiben.

Am 30. Januar 1933 wurde Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Danach ging es nicht mehr um »Stimmung im Land«, sondern um Machttechnik: Reichstagsbrand, Notverordnungen, Ausschaltung politischer Gegner, Gleichschaltung, Ermächtigungsgesetz. Am 23. März 1933 billigte der Reichstag das »Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich« mit 444 Stimmen; nur die 94 anwesenden SPD-Abgeordneten stimmten geschlossen dagegen – von ursprünglich 120; 26 waren da bereits verhaftet oder geflohen. Die KPD-Abgeordneten konnten nicht mehr teilnehmen, ihre Mandate waren bereits annulliert worden. Die Bundeszentrale für politische Bildung bringt es nüchtern auf den Punkt: Mit dem Ermächtigungsgesetz war »das Parlament als demokratische Institution« abgeschafft.

Nun zur Gegenwart, der Epoche des gepflegten Achselzuckens. Die AfD ist nicht die NSDAP. Deutschland 2026 ist nicht Weimar 1933. Es gibt ein Grundgesetz, ein Bundesverfassungsgericht, föderale Machtverteilung, europäische Einbindung, eine historisch wache Zivilgesellschaft und keine SA, die als Hilfspolizei durch Preußen, Thüringen oder Sachsen-Anhalt marschiert. Wer die Unterschiede verschweigt und daraus schließt, jede rechte Partei sei automatisch eine neue NSDAP, betreibt keine Analyse, sondern Kostümkunde. Aber wer aus den Unterschieden folgert, es gebe keine gefährlichen Parallelen, betreibt eine politische Aroma-Therapie. Dann riecht der Rauch eben nicht exakt wie 1933. Brennen tut es trotzdem.

Eine Lehre aus Weimar lautet nicht: Jede rechte Partei führt in die Diktatur. Sie lautet: Eine Demokratie stirbt selten, weil ihre Feinde plötzlich stärker sind als alle anderen. Sie stirbt, wenn ihre Verteidiger müde werden – wenn sie den Ausnahmefall verwalten, bis er Normalität heißt, und wenn sie glauben, autoritäre Kräfte ließen sich mit ein paar Ministerposten, Ausschusssitzen oder auf Caren Miosgas Talkshow-Sofa domestizieren.

Im Bundestagswahlprogramm 2025 nennt die AfD ihre Migrationspolitik ausdrücklich »Remigration«. Darunter fasst sie konsequente Abschiebungen vollziehbar ausreisepflichtiger Personen, den Abbau angeblicher Fehlanreize wie Bürgergeld und Bleiberechte, Widerrufsverfahren bei entfallenem Schutzgrund und die Rückführung ausländischer Straftäter. Sie will Asyl und Zuwanderung wieder national regeln, stellt das Gemeinsame Europäische Asylsystem als gescheitert dar und strebt ein Opt-out aus der gemeinsamen EU-Asylpolitik an. Der Euro sei eine »Fehlkonstruktion“, ein Euro-Ausstieg »förderlich für unsere Wirtschaft und Steuerzahler«. In der Kulturpolitik heißt es »Deutsche Leitkultur statt ›Multikulturalismus‹«; beim Islam spricht die Partei von einer Gefahr des politischen Islam für die »christlich-abendländische Kultur«, lehnt die weitere Ausbreitung ab und will islamischen Organisationen den Körperschaftsstatus verweigern.

Man kann das alles einzeln als harte konservative Programmatik verkaufen. Man kann aber auch jede einzelne Zündschnur als harmlose Wäscheleine deklarieren. Nur sollte man dann nicht überrascht tun, wenn der ganze Schuppen brennt. Gefährlich ist nicht ein einzelner Programmpunkt. Gefährlich ist das Muster: Volk gegen Eliten, Nation gegen Europa, Kultur gegen Pluralität, »Remigration« gegen Einwanderungsgesellschaft, vermeintlich homogene Identität gegen gleiche Rechte für alle.

Wer glaubt, die hier beschriebene Mechanik des demokratischen Abbaus sei ein rein deutsches Exportprodukt des 20. Jahrhunderts – oder gar eine von deutschen Professorinnen im akademischen Gewächshaus aufgezogene Theoriepflanze –, möge kurz nach Washington schauen. Donald Trump demonstriert seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 in einem Tempo, das selbst wohlwollende Beobachter beunruhigen sollte, dass das Drehbuch des Institutionenabbaus auch auf Englisch funktioniert. Und zwar erschreckend reibungslos.

Die Liste der Maßnahmen ist unangenehm präzise: Entlassung missliebiger Bundesstaatsanwälte per Dekret, Umbau der Strafverfolgungsbehörden nach Loyalitätskriterien, massenhafte Begnadigungen verurteilter Gewalttäter aus dem eigenen politischen Lager, Angriffe auf Gerichte, die nicht im Regierungssinne urteilen, und eine Dauerkampagne gegen die freie Presse, die Trump weiterhin als »Enemy of the People« bezeichnet – einen Ausdruck, den die Sowjetunion und das NS-Regime gleichfalls bevorzugt für ihre Kritiker verwendeten. Der Begriff »Deep State«, mit dem Trump jeden institutionellen Widerstand belegt, hat einen älteren deutschen Verwandten: »Systemparteien«. Die Funktion ist dieselbe: Wer die eigene Agenda nicht unterstützt, ist kein Andersdenkender – er ist Feind.

Es ist wohl kein Zufall, dass Trump und die AfD einander so herzlich zugetan sind. Sie sprechen dieselbe politische Grammatik: das wahre Volk gegen die korrupte Elite, die starke Nation gegen schwache Institutionen, der gesunde Menschenverstand gegen das Establishment, Loyalität gegen Kompetenz. Trumps Umfeld hat aktiv Kontakt zur AfD gesucht; die AfD feierte Trumps Wahlsieg so ausgelassen wie einen eigenen. Das ist keine sentimentale Seelenverwandtschaft zwischen politischen Exoten. Das ist Methodenverwandtschaft – die transatlantische Neuauflage desselben Handbuchs, das 1933 schon einmal ausprobiert wurde.

Die beunruhigende Frage ist nicht, ob Trump ein Faschist ist – das ist eine Einordnung, über die sich Historiker und Verfassungsrechtler noch lange kontrovers und sorgfältig streiten können. Die beunruhigende Frage ist struktureller Art: Wenn die Vereinigten Staaten, die älteste lebende Demokratie des Westens, in weniger als einem Jahr erleben können, wie Staatsanwälte ausgetauscht, Gerichte unter Druck gesetzt und Bundesbehörden nach Loyalitätsprinzip umgebaut werden – welches überzeugende Argument gibt es eigentlich noch dafür, dass dasselbe Drehbuch in Berlin keinen Spielplan findet?

Die Parallele beginnt bei der Erzählung vom verratenen Volk. Die NSDAP arbeitete mit der Behauptung, eine korrupte, fremdgesteuerte, volksferne Klasse habe Deutschland erniedrigt: Versailles, »Systemparteien«, Novemberverbrecher, Marxisten, internationale Mächte. Die AfD übersetzt diese Dramatik in die Gegenwart: »Altparteien«, Brüssel, »Globalisten«, öffentlich-rechtliche Medien, »woke« Eliten, Klimapolitik, Migration, angebliche Zensur. Der historische Inhalt ist nicht identisch. Die politische Grammatik ist beunruhigend vertraut: Erst wird das »Volk« als moralisch homogene Einheit erfunden. Dann werden alle, die widersprechen, aus diesem Volk hinaus definiert.

Das zweite Muster ist die ethnische Aufladung des Politischen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz begründete seine Bewertung der AfD im Mai 2025 mit einem »ethnisch-abstammungsmäßigen Volksverständnis«, das Bevölkerungsgruppen abwerte und ihre Menschenwürde verletze. Man muss diese behördliche Bewertung nicht als letzte Instanz der politischen Wahrheit behandeln; Gerichte haben darüber zu befinden. Aber man sollte auch nicht so tun, als sei der Begriff »Remigration« bloß eine etwas schlecht gelaunte Variante des Ausländerrechts. In der politischen Praxis der radikalen Rechten ist er ein Signalwort: Wer gehört dazu, wer nicht? Wer darf bleiben, wer soll verschwinden?

Die NSDAP radikalisierte Politik, indem sie soziale Probleme biologisierte und kulturelle Konflikte in Feinderklärungen verwandelte. Die AfD formuliert das nicht in der Sprache der Nürnberger Gesetze. Aber sie arbeitet mit einer dauernden Sortierung: hier das eigentliche Volk, dort die Fremden, die Eliten, die angeblichen Profiteure, die »politisch Korrekten«, die Medien, die Klimaschützer, die Migranten, die Muslime. Das ist noch keine Gleichsetzung, aber es ist eine Warnung vor einer Methode.

Das dritte Muster: der Angriff auf Vermittlungsinstanzen. Die NS-Propaganda lebte von Wiederholung, Vereinfachung und Gefühl. Nicht das Argument sollte siegen, sondern der Affekt. In der historischen Forschung wird die NS-Propaganda als Konzentration auf wenige, ständig wiederholte Schlagworte beschrieben.

Genau darin liegt die moderne Versuchung: Politik als Dauersirene. Komplexität gilt als Verrat, Fachwissen als Herrschaftstechnik, Journalismus als Komplott, Wissenschaft als Ideologie, sobald sie zu stören beginnen. Die AfD nennt das gern »Meinungsfreiheit«. Gemeint ist aber offenbar: »Freiheit für die eigene Behauptung« und »Misstrauen gegen jede Korrektur«.

Auch das ist historisch nicht nebensächlich, denn Demokratien sterben nicht erst, wenn Panzer vor Rundfunkhäusern stehen. Sie werden vorher müde gemacht. Man erklärt Institutionen zu Kartellen, Richter zu Aktivisten, Journalisten zu Erfüllungsgehilfen, Parlamente zu Schwatzbuden, Wissenschaftler zu Lobbyisten. Am Ende bleibt nur noch eine Instanz übrig: die Bewegung, die angeblich unmittelbar für das Volk spricht. – Praktisch, nicht wahr? Das wäre so, als wenn man im Fußball alle Schiedsrichter abschafft und sich dann über die unfaire Spielleitung durch den Mittelstürmer wundert.

Das vierte Muster ist das Versprechen der einfachen Rückabwicklung. Die NSDAP versprach nationale Wiedergeburt, Arbeit, Ordnung, Größe, die Überwindung von Demütigung und Chaos. Die AfD verspricht heute die Rückkehr in eine Welt, in der Grenzen wieder eindeutig, Geschlechter wieder zwei, Energie wieder billig, Medien wieder gefügig, Kultur wieder deutsch, Deutschland wieder Vaterland und Politik wieder Volkswille ist. Das klingt für manche wie Heimat. Tatsächlich ist es meist Museumspädagogik mit einer Abrissbirne.

Natürlich darf man die EU kritisieren und natürlich darf man über Migration, Energiepreise, Asylrecht, Rundfunkbeiträge, Klimapolitik und staatliche Übergriffigkeit streiten. Eine Demokratie, die solche Debatten nicht aushält, wäre eine ziemlich teure Selbsthilfegruppe für Ministerialbeamte. Das Problem beginnt jedoch dort, wo Kritik in Delegitimierung kippt, wo politische Gegner zu Volksfeinden werden, wo Minderheiten als Sicherheitsproblem etikettiert werden und wo die Lösungen immer in Reinigung, Rückführung, Ausschluss oder nationaler Wiedergeburt liegen sollen.

Die gefährlichste Gemeinsamkeit zwischen NSDAP und AfD liegt deshalb nicht in identischen Programmsätzen. Sie liegt in der Dynamik: Krise wird in Kränkung verwandelt, Kränkung in Wut, Wut in Zugehörigkeit, Zugehörigkeit in Feindmarkierung. Aus Politik wird ein Erlösungsangebot. Und Erlösungsangebote sind in der Politik fast immer eine schlechte Nachricht: Wer Erlösung bestellt, bekommt selten Verwaltung. Meist bekommt er Säuberung.

Wer Parallelen zur NSDAP benennt, muss präzise sein. Es geht nicht darum, eine Partei von heute eins zu eins mit der Mord- und Vernichtungspartei von damals gleichzusetzen. Es geht um politische Techniken und Denkfiguren: Geschichtsrevisionismus, völkisches Volksverständnis, Verachtung parlamentarischer Institutionen, Sprache der Säuberung, Normalisierung des Ungeheuerlichen.

Alexander Gauland veröffentlichte den Wortlaut seiner Rede vom 2. Juni 2018 auf der Webseite der AfD-Bundestagsfraktion. Darin heißt es: »Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte.« Das ist nicht bloß eine geschmacklose Metapher aus dem ornithologischen Giftschrank. Es ist die sprachliche Schrumpfung des Zivilisationsbruchs auf Vogelkotgröße. Aus Auschwitz wird in dieser Rhetorik ein unangenehmer Fleck auf dem nationalen Lack.

Björn Höcke nannte das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas in seiner Dresdner Rede vom 17. Januar 2017 ein »Denkmal der Schande« und forderte eine »erinnerungspolitische Wende um 180 Grad«. Der Deutschlandfunk zitierte ihn am 18. Januar 2017 wörtlich: »Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.« Die Amadeu Antonio Stiftung ordnet diese Rede als geschichtsrevisionistischen Angriff auf das Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen ein.

Dann ist da Höckes Verwendung der Parole »Alles für Deutschland«. Das Verwaltungsgericht Köln hielt in seinem Urteil vom 8. März 2022 fest: »Der Ausruf ›Alles für Deutschland!‹ war die Losung der SA im Dritten Reich.« Das Landgericht Halle verurteilte Höcke im Mai 2024 wegen des Verwendens dieser SA-Parole zu einer Geldstrafe von 13.000 Euro. Wer als Geschichtslehrer ausgerechnet an der Tür zur NS-Rhetorik klingelt, darf sich nicht wundern, wenn jemand fragt, warum er den Schlüssel bereits in der Hand hält.

Höckes Vokabular geht über historische Anspielungen hinaus. DIE ZEIT beschrieb am 24. Oktober 2019 seine Sprache mit den Begriffen »Zuchtmeister«, »Stall ausmistet« und »wohltemperierter Grausamkeit«. Business Punk zitierte 2024 aus Höckes Buch die Formulierung einer »Politik einer ›wohltemperierten Grausam-keit‹« und verwies auf weitere Aussagen über »Aderlass« und den Verlust »schwacher Volksteile«. Das sind keine bürgerlichen Steuerrechtsdebatten. Das ist eine politische Ästhetik der Härte, die Menschen sortiert, abwertet und im Zweifel aus dem nationalen Körper herausschneidet.

Präzision ist hier zwingend. Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen bestätigte 2024, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) die AfD und ihre Jugendorganisation als »Verdachtsfall« beobachten und die Öffentlichkeit darüber unterrichten darf; das Bundesverwaltungsgericht ließ die Revision dagegen 2025 nicht zu, womit die OVG-Urteile rechtskräftig wurden. Das Bundesamt hatte die AfD am 2. Mai 2025 öffentlich zur »gesichert rechtsextremistische Bestrebung« hochgestuft. Allerdings untersagte das Verwaltungsgericht Köln dem BfV im Februar 2026 vorläufig, die AfD bis zum Abschluss des Hauptsacheverfahrens als »gesichert rechtsextremistische Bestrebung einzustufen und zu behandeln«.

Die juristische Lage ist also komplizierter, als Parolenliebhaber und Empörungsfetischisten es gerne hätten. Aber die gerichtsfeste Einstufung als »Verdachtsfall« ist keine Nebensächlichkeit. Und das Kölner Verwaltungsgericht hat nicht entschieden, die AfD sei harmlos. Es hat eine vorläufige Grenze für behördliches Handeln gezogen. Demokratie ist eben auch dann Rechtsstaat, wenn der Rechtsstaat langsam ist – manchmal so langsam, dass man zusehen kann, wie Extremisten die Geduld der Institutionen als Schwäche verspotten.

Seit der Hochstufung durch den Verfassungsschutz fordern einige ein AfD-Verbotsverfahren. Andere warnen vor Trotzreaktionen und einer Märtyrerinszenierung. Artikel 21 Absatz 2 Grundgesetz erlaubt das Verbot einer Partei, die nach ihren Zielen oder dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgeht, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen. Den Antrag können Bundestag, Bundesrat oder Bundesregierung stellen. Der Verfassungsblog wies am 8. Mai 2025 zu Recht darauf hin, dass die Einstufung durch den Verfassungsschutz keine Bindungswirkung für ein Parteiverbotsverfahren hat; die Hürden des Bundesverfassungsgerichts sind höher und die Erfolgsaussichten ohne gerichtsfeste Nachweise ungewiss.

Ein Verbotsverfahren darf also kein Beruhigungsmittel für eine politisch erschöpfte Republik sein. Es wäre kein Knopf, auf den man drückt, damit das Problem verschwindet wie ein lästiges Pop-up auf einer Webseite. Aber genauso falsch wäre die gegenteilige Pose: so zu tun, als sei schon die Prüfung eines Verbots undemokratisch. Eine wehrhafte Demokratie ist keine Demokratie im Yoga-Retreat. Sie darf und muss prüfen, ob eine Partei die Regeln der Freiheit benutzt, um die Freiheit abzuschaffen.

Die gefährlichen Parallelen zwischen NSDAP und AfD liegen nicht in Uniformen, Symbolen oder historischen Kostümen. Sie liegt in der Strategie, demokratische Verfahren zu nutzen, um antipluralistische Politik mehrheitsfähig zu machen. In der Verachtung der »Altparteien«. In der Konstruktion eines wahren Volkswillens, der angeblich nur von einer Bewegung verkörpert wird. In der Sehnsucht nach nationaler Homogenität, in der Delegitimierung von Medien, Wissenschaft, Gerichten und Minderheitenrechten.

Und sie liegt in der Verharmlosung: »Ach, so schlimm wird es schon nicht kommen.« »Ach, die meinen das nicht so.« »Ach, die kann man einbinden.« – Genau das dachten 1933 viele Konservative auch. Es war eine der teuersten Fehleinschätzungen der deutschen Geschichte. Man warnte vor hysterischer Übertreibung – bis die Hysterie Regierungsprogramm geworden war. Der demokratische Biedermann stand daneben, die Hände tief in den Taschen, und murmelte, man müsse die Radikalen nur in Verantwortung bringen. Danach roch es noch sehr lange nach Rauch.

Die Weimarer Republik lehrte, dass Demokratien nicht nur an ihren Feinden scheitern, sondern an jenen, die ihre Feinde unterschätzen. An den Salonstrategen, die sagen: »Man muss sie einbinden.« An den Opportunisten, die sagen: »Man muss ihre Wähler verstehen«, aber seltsamerweise nie die Opfer ihrer Sprache. An den Feuilletonakrobaten, die jede Warnung für hysterisch halten, bis die Hysterie Regierungsprogramm geworden ist.

Nein, die AfD ist nicht die NSDAP. Aber sie bedient Motive, die in Deutschland nicht unschuldig sind: ethnisch aufgeladene Volksvorstellungen, Verachtung liberaler Institutionen, Delegitimierung unabhängiger Medien, Freund-Feind-Sprache, Kulturkampf gegen Pluralität, Sehnsucht nach nationaler Homogenität, autoritäre Vereinfachung. Wer das nicht sehen will, kann sich an einer Beruhigungsformel wärmen: Geschichte wiederholt sich nicht. – Stimmt. – Sie ist raffinierter. Sie kommt nicht im selben Mantel zurück. Sie hat inzwischen Social Media, Wahlprogramme im PDF – Format und den Tonfall einer beleidigten Bürgerlichkeit.

Vielleicht ist genau das die Aufgabe eines erwachsenen Antifaschismus im Jahr 2026: nicht überall Hitler zu rufen, aber sehr genau hinzusehen, wo die Mechanik der Entmenschlichung wieder geölt wird. Nicht jede nationalistische Partei führt automatisch in eine Diktatur. Aber jede Diktatur beginnt irgendwann damit, dass Menschen lernen, bestimmte andere Menschen nicht mehr als gleichwertige Bürger zu betrachten.

Wer heute ›Weimar‹ sagt, lieber Markus Söder, sollte nicht pathetisch werden, sondern praktisch. Demokratische Parteien sollten sich zwingen, Probleme zu lösen, nicht sie zu inszenieren. Sie sollten soziale Abstiegsangst ernst nehmen, ohne Rassismus als Antwort zu akzeptieren. Sie sollten Migration ordnen, ohne Menschenwürde zu sortieren. Sie sollten die AfD nicht dämonisieren müssen, weil deren eigenen Zitate, Programme und Gerichtsdokumente schon genug Material liefern.

Demokratie ist kein Naturereignis. Sie ist eine Vereinbarung. Wer diese Grundlagen angreift, muss nicht braun uniformiert sein, um gefährlich zu werden. Es reicht, wenn er freundlich lächelt und sagt: »Wir wollen doch nur unser Land zurück«.

Vor allem sollte eines jetzt nicht passieren: Abzuwarten, bis aus 29 Prozent Macht geworden ist. Die Geschichte hat ein miserables Gedächtnis für Gesellschaften, die ihre Warnzeichen als bloße Folklore betrachteten.

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Redaktioneller Hinweis: Der Essay setzt die AfD nicht pauschal mit der NSDAP gleich, sondern benennt gefährliche strukturelle Parallelen in Rhetorik, Mobilisierung, Feindmarkierung und Institutionenverachtung. Diese Differenzierung ist aus historischen, journalistischen und presserechtlichen Gründen wesentlich.

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