Bundeswehr: Wir müssen verteidigungsfähig werden

Der Essay analysiert Deutschlands Wendung zu Verteidigung und „Wehrhaftigkeit“ und kritisiert die Lust an der Aufrüstung.

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Ich habe in meiner Jugend gegen die Stationierung der Pershing II demonstriert. Mit Hunderttausenden. Ich war Kriegsdienstverweigerer. Ich habe den Mauerfall erlebt – nicht aus dem Fernsehen, sondern als Gegenwart vor Ort in Berlin, als einen jener Momente, in denen Geschichte nicht Lehrplan ist, sondern Körpergefühl. Ich sage das nicht, um mich zu immunisieren. Ich erwähne es, weil es den Blick schärft. Wer das Ende des Kalten Krieges wach erlebt hat, weiß, wie schnell aus Bedrohung Freude werden kann. Und umgekehrt.

Noch vor wenigen Jahren galt die Bundeswehr in weiten Teilen der Öffentlichkeit als schlecht beheiztes Verwaltungsproblem in Tarnfarben: zu wenig Munition, kaputte Funkgeräte, flugunfähige Hubschrauber, Panzer mit einer sehr langen Ersatzteilbiografie. Dann kam Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Aus Haushaltsresten wurden Zeitenwenden. Aus Beschaffungsproblemen historische Notwendigkeiten. Aus jahrelanger politischer Verwahrlosung über Nacht eine moralische Verpflichtung.

Das alles ist nicht falsch. Nur ist es nicht die ganze Wahrheit. Denn zwischen der nüchternen Erkenntnis, dass Europa sicherheitspolitisch naiv und militärisch unzureichend aufgestellt war, und der gegenwärtigen Lust an der Aufrüstung liegt ein Unterschied, über den erstaunlich wenig gesprochen wird.

2022 beschloss Deutschland ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr. 2025 folgte das nächste Großpaket: 500 Milliarden für Infrastruktur und Klimaneutralität, flankiert von einer Grundgesetzänderung, die Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent des BIP von der Schuldenbremse ausnimmt. Übersetzt: Für Panzer und Raketen gelten künftig andere finanzielle Schwerkraftgesetze als für Schulen, Pflege oder kommunale Schwimmbäder.

Ein Land, das jahrzehntelang jeden Lehrer, jede Brücke, jede Schiene unter Finanzierungsvorbehalt stellte, entdeckt plötzlich die kreditpolitische Großzügigkeit, sobald das Wort »Verteidigung« fällt. Das ist die eigentliche Zeitenwende: Nicht dass Deutschland mehr für seine Sicherheit ausgibt. Sondern dass es offenbar sehr genau weiß, wann Geld angeblich nicht vorhanden ist – und wann es nur darauf wartet, mit patriotischer Begleitmusik ausgegeben zu werden.

Europa muss »kriegstüchtig« werden. Deutschland muss »wehrhaft« sein. Produktionslinien sollen »skaliert« werden. Was früher nach Generalstab klang, klingt heute nach Start-up-Pitch. Man könnte fast vergessen, dass es am Ende um Waffen geht. Aber genau diese Debatte findet kaum statt. Stattdessen wird eine merkwürdige Ersatzdiskussion geführt: Wer Fragen stellt, gilt als naiv. Wer mehr Geld fordert, gilt als Realist.

Natürlich muss Europa sich verteidigen können. Aber Verteidigungsfähigkeit ist noch keine Sicherheitspolitik. Aufrüstung beantwortet die Frage: Womit können wir kämpfen? Sicherheitspolitik beantwortet: Wofür, unter welchen Bedingungen, mit welchem Ziel – und was tun wir, damit wir möglichst nicht kämpfen müssen? Das eine lässt sich bestellen. Das andere muss gedacht werden. Und genau da wird es dünn.

Besonders deutlich zeigt sich diese Leerstelle in der Wehrpflichtdebatte. Sie ist weniger eine militärische als eine kulturelle Sehnsucht. Sie verspricht Disziplin, Gemeinschaft, pädagogische Korrektur jener Jugend, die angeblich zu viel scrollt und zu wenig dient. Eine moderne Armee aber braucht nicht einfach »mehr junge Menschen«. Sie braucht hochqualifizierte Spezialisten, Cyberfähigkeiten, Drohnenabwehr, Führungsfähigkeit, Sanitätskapazitäten und eine Gesellschaft, die versteht, was militärische Gewalt kann – und was sie nicht kann.

Während Politik und Öffentlichkeit noch über Wehrpflicht und Werte feilschen, hat eine andere Institution die Lage längst verstanden: die Börse. Rüstungsaktien sind zu den moralisch am besten gepanzerten Wachstumstiteln unserer Zeit geworden. Die Rheinmetall-Aktie stieg von unter 83 Euro Anfang 2022 auf ein Allzeithoch von über 2.000 Euro im Herbst 2025. »Der Krieg als Konjunkturprogramm« ist ein hässlicher Satz. Deshalb sagt ihn niemand gern. Nur der Markt spricht ihn täglich aus.

Wenn Sicherheitspolitik zur Wachstumsbranche wird, entsteht ein Interesse an ihrer Verstetigung. Nicht als Verschwörung. Viel banaler: als Geschäftsmodell. Aufrüstung erzeugt ihre eigene politische Ökonomie. Man muss kein Pazifist sein, um das problematisch zu finden. Man muss nur ein Gedächtnis haben.

Und damit zur Frage, die fast nie gestellt wird: Was genau will Europa eigentlich verteidigen? Als Churchills Generalstab ihm während des Zweiten Weltkriegs nahelegte, Theater und Kinos zu schließen, soll der alte Mann geknurrt haben: »Wofür führen wir dann diesen Krieg?« Europa spricht gern von Werten, verwaltet aber oft Interessen. Gefährlich wird es nur, wenn Interessen als Werte verkleidet werden und Werte als Dekoration dienen.

Was verteidigt ein junger Mensch, der sich keine Wohnung leisten kann? Was verteidigt eine Krankenschwester, deren Dienstplan aussieht wie ein humanitärer Notfall? Was verteidigt eine Gesellschaft, die bei Schulen, Pflege, Bahn und Justiz über Jahrzehnte den Mangel organisiert hat – und nun, möglichst über Nacht, eine »wehrhafte Demokratie« sein möchte? Die Antwort kann nicht lauten: Rheinmetall liefert bald.

Gerade das Wort »Abschreckung« verdient Misstrauen. Ich erinnere mich noch an die Spottformel der Friedensbewegung: »Abschrecken kann man nur Eier«. Zugegeben, das war polemisch. Aber nicht dumm. Denn der Begriff tut so, als sei Angst ein technisch steuerbares Instrument. In der Wirklichkeit sitzen Menschen an den Schaltern. Abschreckung funktioniert nur, wenn sie geglaubt wird. Sie kann scheitern – durch Fehleinschätzung, technische Störung, innenpolitische Schwäche oder den Größenwahn eines Mannes, der sich für rational hält, während alle anderen ihn längst für gefährlich halten.

Das vielleicht Gefährlichste an der neuen Militarisierung Europas ist nicht der Panzer. Es ist der Ton. Diese neue Ernsthaftigkeit, die jede Skepsis als Naivität behandelt. Man spürt gelegentlich eine merkwürdige Begeisterung darüber, dass die Welt wieder einfacher geworden sei. Ein Trugschluss, denn die Welt ist nicht einfacher geworden. Sie ist komplizierter. Wer nur aufrüstet, schützt die Fassade eines Hauses, dessen Fundament bröckelt.

Europa muss verteidigungsfähig werden. Daran führt kein Weg vorbei. Aber es darf dabei nicht vergessen, was es verteidigt. Denn Sicherheit entsteht nicht nur dort, wo ein Staat mehr Waffen besitzt. Sie entsteht dort, wo eine Gesellschaft noch weiß, warum sie nicht werden will wie jene, vor denen sie sich schützen muss.

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